Christian Lukas - Text und Konzeption

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Antenne Witten

Der folgende Text entstand für ein Buch-Projekt, das während der Arbeit an den Texten vom Verlag 2009 zurückgezogen wurde. 2010 ging er dann auch in seiner ursprünglichen Fassung online. Ich habe mir allerdings erlaubt, ihn im Laufe der Zeit immer wieder mal aktuellen Ereignissen anzupassen. 

BOCHUM

Blume im Revier oder graue Maus auf halben Weg zwischen Essen und Dortmund? Bochum ist beides. Metropole und Provinz, leuchtende Schönheit und grauer Beton. Total verbaut, aber mit Seele. Oft in der ersten Liga, aber nie ganz oben.

Der VfL. Seit 1979 kickt er im rewirpowerSTADION an der Castroper Straße. Man achte auf die Schreibweise. Ein Energieunternehmen hat sich hier im Stadionnamen ein Denkmal gesetzt. Der Sponsor zahlt, der Verein kassiert, Radioreporter melden sich artig aus der Fußballheimstätte mit dem Sponsorennamen. Nur die Fans schert es nicht. Tradition kann man nicht kaufen, sagen sie und sprechen weiterhin vom Ruhrstadion. Punkt! Der Bochumer ist ein Westfale aus dem Bilderbuch. Aus der Ruhe kann ihn nichts bringen; dass kaum ein Bochumer tatsächlich auf einen langen westfälischen Stammbaum zurückblicken kann, dass ihre Vorfahren aus allen Himmelrichtungen nach Bochum strömten – geschenkt. Wer einmal mit Bochum gekuschelt hat, kommt von der Stadt nicht mehr los. Wie all die Schauspieler, die am Schauspielhaus ihre Ausbildung absolvierten. Große Stars der Bühnen und des Fernsehens. Das Bochumer Schauspielhaus hat sich fast unbemerkt im Laufe der Jahrzehnte zu einer der führenden Bühnen der Republik entwickelt. Während andere Bühnen mit lautem Getöse, Tabubruch und Spektakel immer wieder die Schlagzeilen der Feuilletons erklimmen, wird in Bochum gearbeitet. Entschuldigung, es wird ja auf der Bühne gespielt. Aber: Geradlinig, schnörkellos, ohne großes Trara. Dafür qualitativ hochwertig. Im roten Backstein als Varietétheater 1908 erbaut, ging es 1915 in städtischen Besitz über. 1919 kam Saladin Schmitt nach Bochum. Der stammte eigentlich aus Bingen im heutigen Rheinland-Pfalz. Als er den Ruf aus dem Kohlenpott erhielt, war er an den Freiburger Bühnen tätig, seinerzeit eine Top-Adresse. Dennoch folgte er dem Angebot in die Provinz (als welche man die Region zwischen Ruhr und Emscher schließlich wahrnahm). Kaum in Bochum angekommen, legte Schmidt ein künstlerisches Fundament, das nicht unbeachtet blieb. Mit der Shakespeare-Woche von 1927 oder der Schillerwoche 1934 sorgte er deutschlandweit für Aufsehen in den Theaterzirkeln. Und von Bochum – kam er nicht mehr los. Saladin Schmitt führte das Theater bis 1949 als Intendant – auch nach den verheerenden Bombenangriffen auf Bochum vom November 1944, die die Innenstadt fast vollständig in Schutt und Asche legten. Als er 1951 starb, verbeugte sich die Stadt vor einem großen Sohn. Auch wenn dieser eigentlich ein Zugereister war.

Bochum. Total verbaut? Die Innenstadt, ein Häusermeer. Und nicht nur die Innenstadt. Selbst draußen, im Grünen, im über 1220 Jahre altem Stadtteil Querenburg: Betonkolosse! Die Ruhr-Universität hat hier ihre Heimat gefunden. Zehnstöckige Monstren aus Stahl und Beton. Ein Dutzend der Giganten erheben sich über das naheliegende Ruhrtal, eine Stadt der Bildung inmitten der Stadt der Industrie mit 32.000 Studierenden. Der Gebäudekomplex – eine einzige Verwirklichung wirrer architektonischer Träume vergangener Zeiten von Modernität und Zweckmäßigkeit. Kühl, unwirklich. Keine Hochschulen, eher Lehranstalten, mit der Betonung auf Anstalt. Bürokratentempel, emotionslos, in denen sich dennoch ein freier, kreativer Geist entfalten konnte. Die erste Uni an der Ruhr, eine Hochschule für Malocherkinder. Ohne Tradition. In Ruhrstein betoniert hat sich die RUB als erste Universitätsgründung nach dem Krieg dennoch zu einem Zentrum des Wissens und der Wissensvermittlung entwickelt. Ingenieure, Juristen, Mediziner, Geisteswissenschaftler, Pädagogen, Sinologen, Biologen, Meteorologen, so unterschiedlich ihre Passionen und Professionen, sie alle tragen seit 1965 den Namen der Stadt in die Welt hinaus. Nachhaltig. Doch wen interessiert es?

Foto: Christian LukasEin Blick zurück, 2007. Deutschland braucht Eliten, schwirrt es durch die Köpfe der Bildungspolitiker. Der Pisaschock sitzt tief. Die Deutschen aus dem Land der Dichter, Denker, der Heimat von Diesel und Benz – zu dumm, um einen Eimer Wasser umzuschmeißen? Da sollten Eliten ran, Unis konnten sich bewerben, für Zuschüsse. Natürlich keine Wald- und Wiesenuniversitäten, nur die Besten der Besten sollten Unterstützung erhalten. Wer dachte da an Bochum?

Am Ende hat es nicht gereicht. Woran es haperte? Schwamm drüber. Allein die Tatsache, dass Bochum im Chor der Alten und Verstaubten seine frische Stimme erklingen ließ, wenngleich am Ende wieder einmal die üblichen Verdächtigen die Kohle bekamen, zeigt auf: Auch in grauem Stahlbeton entfaltet sich ein kreativer Geist.

Apropos Kohle. Die gibt es in Bochum noch. Allerdings nur im Museum. 400.000 Besucher kommen jedes Jahr ins Deutsche Bergbau-Museum. Schon 1930, als rund um Bochum noch Zechentürme standen und Kumpel in die Tiefe fuhren, um das Schwarze Gold ans Tageslicht zu fördern, legte die Stadt Bochum den Grundstein für sein Museum der Montangeschichte. Entstanden ist eine weltweit einmalige Sammlung an Exponaten der Fördergeschichte, nicht nur aus der Region, letztlich aus der ganzen Welt. Ein Besucherstollen lädt die Interessenten zu einem Besuch Unter Tage ein und wer keine Angst vor großen Höhen hat – fährt hinauf aufs Fördergerüst (umgangssprachlich Förderturm genannt). 71,4 Meter ist er hoch und wer sich traut wird mit einem Blick belohnt, der üb er die Stadtgrenzen weit hinaus geht. Ob das Hochhauskonglomerat der Essener Innenstadt, Dortmund, Herne ... All die Städte wirken von diesem Punkt im Herzen der Bochumer Innenstadt aus betrachtet zum Greifen nah. Dass das Fördergerüst gar nicht aus Bochum stammt – ist wohl kaum mehr als eine ironische Fußnote der Geschichte. 1973 wurde es in Bochum errichtet, ursprünglich versah es bis zu seiner Demontage ab 1939 seinen Dienst auf der Zeche Germania in Dortmund.

Die Arbeitslosenquote Bochums pendelt bei etwa zehn Prozent. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Bochum ist wahrlich keine reiche Stadt. Die Steuereinnahmen lassen keine allzu großen Sprünge zu, Schulden drücken auf dem Haushalt der Verwaltung. Und wenn es schon einmal nicht läuft, kommt auch noch das Pech dazu. 2008 schloss Nokia sein Handywerk in der Stadt. 2300 Menschen verloren ihre Jobs. Dabei arbeitete Bochum rentabel, erwirtschaftete Schwarze Zahlen. Aber was sind schon Schwarze Zahlen, wenn in Rumänien fette Schwarze Zahlen geschrieben werden können? 

Foto: LukasUnd dann ist da Opel. Die Ansiedlung des Werkes ist bis heute die größte Neuansiedlung einer Fabrik im Ruhrgebiet nach 1945. Als dieser Text enstand, da war Opel noch der größte Arbeitgeber vor Ort. Die Bochumer Opelaner waren stets fleißig, mit ordentlicher Mittelklasse ließ sich ja eigentlich gutes Geld verdienen. Doch die Bosse von Opel sitzen nicht in Bochum-Laer oder Bochum-Werne, den Standorten Opels in der Ruhrstadt. Die Bosse sitzen in Detroit, in den USA, und spätestens während der Weltwirtschaftskrise, die 2008 ihren Anfang nahm, offenbarte sich, dass man diesen Herren im nahen Bochum-Langendreer nicht einmal die Verwaltung einer Schrebergarten-Vereinskasse anvertrauen würde. Detroit hat den Karren an die Wand gefahren und die Auswirkungen sind bis Bochum zu spüren. Das Werk wird abgewickelt. Ein Trauerspiel. Die Ruhr Nachrichten haben den Niedergang dokumentiert, die Artikel, die im Laufe der Jahre über Opel entstanden sind, lassen sich hier aufrufen.

2009 hätte die Stadt endlich einmal etwas fürs Image tun können – mit der Loveparade. In Essen (2007) und Dortmund (2008) lockte sie Hunderttausende auf die Straßen und Medien aus aller Welt berichteten. In Bochum – nun ja, musste sie abgesagt werden. Hintergrund für die Absage ist eine Erklärung der Stadt Bochum, dass die vorhandene Infrastruktur der Stadt nicht dazu ausreiche, die erwarteten Besuchermassen zu bewältigen. Die Veranstalter wollten ihr Konzept nicht ändern, Bochum verwies auf die engen Straßen und den viel zu kleinen Bahnhof – 600.000, 700.000 Besucher auf einen Haufen? Damit wäre die 380.000-Einwohnerstadt nicht klar gekommen. Seinerzeit bekam die Stadt für diese Entscheidung einiges an Hohn und Spott zu spüren, seit der Katastrophe von Duisburg muss man jedoch den Hut vor den Entscheidern im Rathaus ziehen, die lieber manch einen fiesen Kommentar einsteckten als ein Risiko einzugehen. 

Dass Bochum dennoch mit großen Besuchermassen fertig wird, beweist einmal pro Jahr Bochum total. Allerdings: die rund 700.000 Besucher des Festivals verteilen sich dann auch auf ein ganzes Wochenende und trotzdem wird es ganz schön eng in der Stadt. Aber was für ein Fest: Das größte kostenlose Rock-Pop-Festival in Europa. Und alles live. Würde ein solches Festival in Mannheim, Leipzig oder Zuzenhausen stattfinden – Tagesschau und Spiegel online würde berichten, die Stadtväter würden den Erfolg des Festivals als konsequentes Ergebnis ihrer unermüdlichen Kulturförderung ausgeben und große Sponsoren stünden mit Dicker Hose Schlange. Und was ist mit Bochum? Man muss froh sein, wenn die örtlichen Tageszeitungen am „Total“-Wochenende nicht lieber auf Seite 1 über eine Sackgassenneueröffnung in Bochum-Hamme berichten und das Fest auf Seite 2 verschieben. 

Gut, der Bochumer neigt zur westfälischen Bescheidenheit – ja Nüchternheit. Dabei vergisst er seine Pfründe. Keine andere Stadt des Ruhrgebiets hat am Ende des Tages so viel zu bieten wie Bochum. Dortmund nicht, Essen nicht. Da ist nicht nur das Schauspielhaus. Der „Starlight Express“ dampft seit dem 12. Juni 1988 in Bochum über die extra für ihn gelegten Gleise der Starlighthalle. Inzwischen haben weit über zwölf Millionen Besucher das Musical von Andrew Lloyd Webber besucht (Stand: Februar 2009). Das bedeutet, dass das aktuell erfolgreichste Musical an einem Standort nicht etwa in New York, London oder Las Vegas täglich zur Aufführung gelangt. Nein, in Bochum findet es statt. B-o-c-h-u-m!

Kaum zwei Kilometer entfernt, in der Jahrhunderthalle, wurde alljährlich der Steiger Award verliehen. Diese Auszeichnung, „entstanden aus einer Privatinitiative und dem Wunsch der kulturellen und gesellschaftlichen Förderung der Rhein-Ruhr-Region heraus“, wie auf nüchternem Verwaltungsdeutsch auf der Website der Stadt Bochum nachgelesen werden kann, „wird alljährlich an Persönlichkeiten verliehen, die sich besonders in den Bereichen Musik, Sport, Medien, Umwelt, Film, sowie in Fragen des Europäischen Zusammenwachsens und des humanitären Engagements verdient gemacht haben“. Die Preisträger? Unter anderem der israelische Präsident und Friedensnobelpreisträger Shimon Peres, Friedensnobelpreisträger Mohamed El-Baradei, der afghanische Präsident Hamid Karzei, Bundesaußenminister a.D. Hans Dietrich Genscher, Iris Berben, Franz Beckenbauer, Josè Carreras, Sabine Christiansen, Peter Maffay, Tokio Hotel, Wolfgang Niedecken, Peter Scholl-Latour (übrigens ein gebürtiger Bochumer), der Musiker Robin Gibb („Bee Gees“), der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny, die Schauspieler Manfred Krug, Pierre Brice, Friedrich von Thun und Joachim Fuchsberger, Heinz Sielmann, Boris Becker, der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker, der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog und andere mehr. Na ja, seit 2013 wird er in Dortmund verliehen. In Dortmund wurde im Übrigen auch erdacht. Nun ja, er ist immerhin eine interessante Note der Stadtgeschichte. Wie sie zu interpretieren ist, sei jedem selbst überlassen. 

Ob die Damen und Herren der höheren Gesellschaft vor einer Steiger Verleihung auch durch den angrenzenden Westpark flanierten, ist wohl eher selten vorgekommen. Die Jahrhunderthalle, heute ein ansehnlicher Kulturtempel, war einst die Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen des Bochumer Vereins. 8.900 Quadratmeter in der Fläche, steht sie seit 1902 auf dem Gelände, auf dem 1842 der Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation gegründet worden ist.

Foto: Christian LukasJacob Mayer und Eduard Kühne hießen die Industriellen, die hier zunächst Gussstahlglocken gossen. Als Alfred Krupp ihr Patent auf der Weltausstellung in Paris 1855 anfocht, kam es zu einem Eklat, den die Bochumer gewannen. Krupp hatte behauptet, Stahl lasse sich nicht in solche Formen gießen – die Bochumer bewiesen den anwesenden Industriellen aus aller Welt das Gegenteil. Die Friedensglocken, die jedes Jahr am Tag des ersten Atombombenabwurfes in Hiroshima im Gedenken an all die Hunderttausend Toten geläutet werden, stammen aus Bochum. Nach einigen Besitzerwechselns (ausgerechnet Krupp erwarb die Firma in den 1960-ern), heißt die Firma heute Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH, das riesige ehemalige Gelände aber ist zum Teil im besagte Westpark aufgegangen; große Wiesen bestimmen das Bild, aber auch ein so genannter Industriewald mit Birken, Weiden, Pappeln und Schmetterlingsflieder ist entstanden. Ein neuer Park mitten in der Stadt, zwischen Industrie, Bahngleisen und Handel. Und noch ein Geheimtipp.

Überhaupt die Bochumer Parks. Stadtpark und Tierpark, unweit vom Museum Bochum und dem Planetarium, von dem aus das Ruhrgebiet in die Sterne schaut. Propsteikirche, St. Peter und Paul, Pauluskirche und nicht zuletzt die über 1000 Jahre alte Dorfkirche im feinen Stadtteil Stiepel sorgen fürs spirituelle Wohl zusammen mit all den anderen ungenannten Kirchen, Moscheen und der 2007 eröffneten neuen Synagoge. Etwas morbider ist der Besuch des Historischen Friedhofs Ümmingen im Bochumer Stadtteil Langendreer. Was den 700 Jahre alten Friedhof besonders macht sind seine Grabstellen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Nur einen Steinwurf entfernt lädt der Ümminger See zum Verweilen ein. Die Ruhr streift Bochum übrigens nur an der südlichen Stadtgrenze zu Witten und Hattingen. Mit Witten teilt sich Bochum den Kemnader See. Dort feiert man nicht nur zwei große Seefeste (Kemnade in Flammen und das Hafenfest), seit 2008 gibt es auch das große Zeltfest, in dessen Rahmen die Créme der deutschen Musik- und Comedyszene sich die Klinken in die Hand gibt. Dass ausgerechnet dieses neue Festival von der Stadt Bochum groß beworden wird, obschon es streng genommen zu einem grroßen Teil auf Wittener Stadtgebiet stattfindet, ist nur eine kleine ironische Fußnote. Am See interessieren die Besucher die Stadtgrenzen nicht und es wäre an der Stadt Witten diesen Sachverhalt mal zu thematisieren. Aber wenn das Wittener Rathaus pennt...

Der Botanische Garten der Ruhr-Universität lädt zum Entspannen ein, Eisenbahnfreunde bekommen Tränen in den Augen, wenn sie das Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen mit seiner riesigen Sammlung an historischen Lokomotiven und Waggons besuchen. Abgesehen davon, dass der nahe Bahnhof Dahlhausen ein Gleis fürs Museum reserviert hat. Eine Medizinhistorische Sammlung erwartet Besucher im so genannten Malakowturm wieder nahe der Uni, das Haus Kemnade im Dreistädteeck Witten/Hattingen/Bochum präsentiert eine riesige Musikinstrumentenausstellung, die ehemalige Zeche Hannover im Stadtteil Hordel, nahe der Grenze zu Herne, ist heute Teil des dezentral gelegenen Westfälische Industriemuseums. In Hordel befindet sich auch die Kappskolonie, eine vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Zechensiedlung, deren dörflicher Charakter durch die fachwerkähnliche Fassadengestaltung an altwestfälische Bauernhäuser erinnern sollte.

Wen es weder nach Promiaufläufen, Museen, Kultur- oder Bildungstempeln in Bochum gelüstet, möchte ja vielleicht nur ein gutes Bier trinken. Die Fiege Brauerei nahe des Hauptbahnhofs gehört zu den letzten echten Ruhrpottbrauereien und wurde noch nicht von einem Multi geschluckt, der vielleicht einen Traditionsnamen aufs Etikett schreiben lässt, den Gerstensaft aber lieber im Sauerland braut. Nein, Fiege ist in Bochum zuhause. Wie das Bermuda3Eck. Am Ende (oder, je nach Blickwinkel – am Anfang) der Fußgängerzone, der Kortumstraße, gelegen, reiht sich hier Kneipe an Kneipe an Restaurant. Es ist das größte Kneipenviertel im Ruhrgebiet. Mehrere Kinos befinden sich im Karree. Wer zum Shoppen nach Bochum möchte, nun ja, wird in der Innenstadt eine Überraschung erleben. Neben all den üblichen verdächtigen Filialisten und einer erklecklichen Anzahl an lokalen Einzelhändlern fehlt doch ein Kaufhaus in der Innenstadt. Einst bestimmt das Kaufhaus Kortum das Leben, ein prächtiger Bau, der schon als Filmkulisse diente. Leider ist es pleite gegangen, nach Jahren unterschiedlicher Nutzungen hat heute immerhin ein Elektronikriese im traditionsreichem Gemäuer eine innerstädtische Heimat gefunden. Als Einkaufsstadt hat Bochum einiges an Boden gegenüber den größeren Nachbarn Essen und Dortmund verloren. Einen schönen Boulevard wollte man in der Stadt anlegen, den Durchgangsverkehr auf den Bochum umgebenen Ring verbannen. Es ist gelungen, allerdings erst nach gefühlten 20 Jahren Planungs- und Bauarbeiten. Nun hat Bochum den Boulevard, nur die Kunden von Außerhalb wollen nicht so recht kommen. Oder sie fahren auf die Grüne Wiese, in den Ruhrpark. Noch so eine Superlative. Als er am 7. Oktober 1964 im Ortsteil Harpen seine Pforten öffnete, war es gerade einmal das zweite seiner Art in Deutschland: Ein Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese. Geliebt wurde es von den Bochumern nicht, noch in den 80-ern versprühte es den Charme eines ostzonalen Intershops. Doch die zunehmende Parkplatznot in den Citys, teils durch den überbordenden Verkehr hervorgerufen, teils aber auch durch die Ruhrparkhilfsaktion der umliegenden Städte, genannt „Parkraumbewirtschaftung“, spielte dem Zentrum in die Hände: Das bietet 7500 gebührenfreie Parkplätze und seit einem größeren Umbau auch die lang vermisste Gastronomie. Das Zentrum mit seinen 119 Geschäften auf einer bebauten Fläche von 126.000 Quadratmetern, lockt jährlich 18 Millionen Besucher an, macht einen Nettoumsatz von 350 Millionen und ist somit nach Fläche und Umsatz die Nummer 1 in der Bundesrepublik. Das riesige Kino einer großen amerikanischen Lichtspielhauskette vor Kopf des Zentrums hat das Kinogucken in der Ruhrstadt revolutioniert, aber die alten Kinos nicht (alle) verdrängen können. Sogar ein kleines Vorstadtprogrammkino hat die Zeiten im Bahnhof Langendreer überlebt. Letzterer war übrigens einst genau das, was der Name andeutet. Heute ist der Bahnhof Langendreer unter anderem ein Veranstaltungsort, an dem renommierte Künstler aller Art auftreten, während das Kino Endstation mit oft irrwitzigen Reihen, Originalfassungen oder dem Festival des psychotronischen Films immer wieder ein neues Publikum anzieht. Das Festival mit dem seltsamen Namen feiert übrigens den deutschen Film von 1950 bis heute, wobei auch Kommerz und Trash ihren Platz im Programm haben.

Foto: Lukas. 2008In Bochum-Weitmar wartet die Zeche auch über 30 Jahre nach ihrer Eröffnung noch immer mit qualitativ hochwertigen Konzerten auf. Die Idee, in einer alten Fabrikhalle einen Kulturtempel unterzubringen – er stammt vielleicht nicht originär aus Bochum, aber hier wurde diese Idee 1977 zum ersten Mal in die Tat umgesetzt. Traurig: Unweit der Zeche – die Reste des Hauses Weitmar. Ein vergessenes Kleinod, einst ein prachtvolles Herrenhaus, sind nur noch Reste im so genannten Schlosspark zu besichtigen. 1943 wurde das Haus  während eines Fliegerangriffs vollständig zerstört.

Blume im Revier oder graue Maus auf halben Weg zwischen Essen und Dortmund?

Bochum ist beides. Aber zwischen all dem grauen Beton, da befindet sich eine Großstadt, die eine einmalige Kulturlandschaft zu bieten hat, mit Museen, Konzerthallen und vielen kleinen Orten, die in diesem Artikel nicht einmal eine Erwähnung fanden. Es ist an der Zeit, die falsche Bescheidenheit abzulegen! 

WATTENSCHEID 

Politiker versprechen viel wenn der Tag lang ist. Vor allem, wenn sie in der Opposition sitzen. Befreit von den Sachzwängen der Regierungsarbeit können sie aus der Opposition heraus nicht nur alles besser als die gerade aktuellen Regenten, sie neigen auch dazu jedem Verband, jedem Verein und jeder Bürgerinitiative hoch und heilig zu versprechen, sich nach einer gewonnenen Wahl aktiv für ihre Belange einzusetzen. Jede Organisation, deren Belange von den aktuell Regierenden nicht berücksichtigt werden, kann sich der Unterstützung der Opposition sicher sein. Wählt uns, rufen sie dem Wählervolk zu, und nach unserem Sieg werden wir unsere Versprechen einhalten. Versprochen. Bei all diesen Versprechungen besteht allerdings eine unkalkulierbare Gefahr: Die Gefahr - die nächsten Wahlen tatsächlich zu gewinnen.

Foto: Christian Lukas / 2009Wattenscheid ist ein seltsames Fleckchen Erde im Ruhrgebiet. Im Westen grenzt Wattenscheid an Gelsenkirchen und Essen, im Norden an Herne und im Osten und Süden an Bochum. So betrachtet ist Wattenscheid Ruhrgebiet in Perfektion, denn ganz Wattenscheid ist von Ruhrgebietsstädten umgeben. Es gibt keine Grenze zum Münsterland, zum Bergischen Land oder etwa zum Sauerland. Nein, Wattenscheid ist Ruhrpott in Reinkultur. Auch wenn in Wattenscheid ganz unruhrpottisch Karneval gefeiert wird. Mit Umzügen und einem Prinzenpaar, das allerdings, ganz unkarnevalistisch, für zwei Jahre gewählt wird. Bei alledem ist Wattenscheid eines jedoch nicht: Eine eigene Stadt. Seit dem 1. Januar 1975 gehört Wattenscheid zu Bochum. Im Zuge der großen Kommunalreform verlor Wattenscheid seine Selbstständigkeit und damit auch seine 1926 erhaltenen Stadtrechte.

Im Zuge der Gebietsreform war Wattenscheid nicht die einzige Stadt, die eben jene Selbstständigkeit verlor. Die Pläne sahen vor, aus 2327 kreisangehörigen Gemeinden 373 zu machen, aus 57 Kreisen 31, während die Zahl der kreisfreien Städte NRW-weit von 38 auf 23 reduziert werden sollte. Der Flickenteppich aus unzähligen Gemeinden und Kreisen sollte auf ein klar überschaubares Maß an Städten und Kreisen reduziert werden, zur Verbesserung der Verwaltungseffizienz, aber auch um Impulse an die Wirtschaft zu senden. Dass es durchaus Sinn macht, eine solche Idee zu überdenken und nicht immer nur bis zum eigenen Kirchturm zu denken, sollte gar nicht in Frage gestellt werden. So betrachtet machen die Bemühungen der späten 1960-er Jahre, als deutschlandweit kommunale Neugliederungen angedacht und teilweise auch realisiert wurden, durchaus einen Sinn, die Idee als solche sollte also gar nicht in Bausch und Bogen verdammt werden. Das Problem der kommunalen Reformen in NRW aber stellt aus heutiger Sicht betrachtet die Tatsache dar, dass auf der untersten – der kommunalen – Ebene die Heckenschere angesetzt wurde, die Regierungsbezirke aber erhalten blieben. Warum werden, allen gut gemeinten Reformen zum Trotz, Teile des Ruhrgebiets vom sauerländischen Arnsberg kontrolliert, andere Teile von Münster und wieder andere von Düsseldorf aus? Wie soll eine Region mit einer Stimme sprechen, wenn sie in drei Regierungsbezirke aufgeteilt ist, deren oberste Repräsentanten nicht einmal direkt gewählt sind? Die Regierungsbezirke, entstanden in einer Zeit, als an der Lippe noch wilde Pferde grasten und es den Begriff „Ruhrgebiet“ noch nicht einmal existierten, sind ein großes Problem fürs Revier. Fette Verwaltungsapparate, die seit Jahrzehnten eben genau das tun, wofür sie eingerichtet wurden: Sie verwalten. Gestaltung ist ihr Programm nicht. Dafür sind sie ein Hemmschuh in der Kommunikation (immerhin werden Angelegenheiten der Raumplanung seit November 2009 vom RVR verwaltet).

Von allen Städten und Gemeinden, die am 1. Januar des Jahres ihre Selbstständigkeit verloren und eingemeindet wurden (auch wenn der Begriff der Eingemeindung in der Politik bis heute nicht gerne gehört wird), gehört Wattenscheid zu den Gemeinden, die am vehementesten gegen die kommunale Reform protestierte. Es ist keine Überraschung, dass sich ausgerechnet in  Wattenscheid der Verein „Aktion Bürgerwille e.V.“ formierte, in dem sich Gegner der Reform aus dem ganzen Land zusammen fanden, um diese Reform landesweit zu stoppen. Es gelang dem Verein sogar, das erste Volksbegehren in Nordrhein-Westfalen auf den Weg zu bringen. Im Zeitraum vom 16. Januar bis 12. Februar 1974 lagen landesweit Listen aus, mit denen ein Quorum erzwungen werden sollte, in dem die Bürger über ihre Zukunft selbst abstimmen sollten. Jedoch blieb die Unterschriftenaktion ohne Wirkung. Obwohl die Organisatoren 720.000 Unterschriften zusammen brachten, reichte diese Anzahl an Unterschriften nicht aus. Für eine Volksabstimmung hätten etwa fünfmal so viele Unterschriften gesammelt werden müssen. In Wattenscheid wurde das Ergebnis mit Ernüchterung zur Kenntnis genommen, denn hier sprachen sich 71,4 Prozent der Bevölkerung gegen eine Eingemeindung durch Bochum aus!

Nun ist die Reihe der Städte und Gemeinden lang, die 1975 ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten. Prominente Beispiel sind ohne Zweifel Wanne-Eickel, Rheinhausen, Kettwig und Herbede. Und in keiner der Städte brachen Jubelstürme über den Verlust der Selbstständigkeit aus. Aber man hat sich vielleicht arrangiert. In Rheinhausen votierten 1974 zum Beispiel über 75 Prozent der Bevölkerung gegen den Anschluss an Duisburg, auf der anderen Seite bestanden Bestrebungen, die Städte zu vereinigen, bereits in den 1920-er Jahren. Und im großen Kampf ums Rheinhausener Stahlwerk von Krupp, das 1987 geschlossen werden sollte, standen Rheinhausener und Duisburger Seite an Seite gegen diese Schließung. Erfolglos vielleicht, aber der gemeinsame Kampf hat die Menschen eng zusammenrücken lassen. Kettwig in seiner exponierten Lage ganz im Süden Essens, konnte seinen kleinstädtischen Charme erhalten. Wanne-Eickel wurde seinerseits erst 1926 durch den Zusammenschluss dreier (!) Ämter aus der Taufe gehoben, sodass die Wanne-Eickeler ihre heimatliche Identität nicht unbedingt mit bestimmten Stadtgrenzen verbinden – und ein paar Kilometer weiter südlich in Herbede ärgerte sich die Bevölkerung zwar über ihre Eingemeindung, doch die hohe Wohnqualität und vor allem der Erhalt der eigenen Kleinstadtkultur haben auch hier zu einem Arrangement geführt: Der Herbede begrüßt den Wittener höchstens hin und wieder mal als „geschätzten Mitbürger von der anderen Ruhrseite“.

Wattenscheid und Bochum hingegen haben emotional nie wirklich zueinander gefunden. Woran dies liegen mag, lässt sich nur schwer erklären.

Es gibt zum Beispiel historische Aspekte. Vor 1975 waren Bochum und Wattenscheid einfach nur zwei Nachbarstädte, ohne Verflechtungen. Als Wattenscheid 1816 im Rahmen der Gründung der Provinz Westfalen den Status eines Amtes erhielt, gehörten zu diesem nicht nur Ortschaften wie die heutigen Wattenscheider Ortsteile Günnigfeld oder Sevinghausen, auch kleine Ortschaften wie Gelsenkirchen (mit weniger als 500 Einwohnern!) und Schalke gehörten zum Einzugsbereich des Amtes, ebenso Königssteele (heute Essen). Später gab es Verschiebungen; mit dem rasanten Wachstum Gelsenkirchens vom Dorf zur Stadt schied Gelsenkirchen frühzeitig aus dem Amt Wattenscheid aus, weshalb das Amt einen großen Teil seiner Fläche verlor. Doch Verschiebungen und Verluste hin oder her: die Grenze zwischen dem, was zur Stadt Bochum wachsen sollte und dem, was sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Stadt Wattenscheid vereinigte, blieb bestehen. Die Städte wuchsen nebeneinander, nie miteinander. Selbst Unter Tage gab es kaum nennenswerte Verbindungen von Bochumer und Wattenscheider Zechen. Der Bergbau in Wattenscheid endete übrigens 1973, also zwei Jahre vor dem Anschluss an Bochum.

Neben historischen Aspekten gibt es auch einen demografischen: Mit seinen heute 74.500 Einwohnern ist Wattenscheid von der Einwohnerzahl her eine mittelgroße Stadt mit gewachsenen Ortsteilen. Die, wie es im Beamtendeutsch so schön heißt, offiziellen Gemarkungen der Stadtteile tragen die Namen Eppendorf / Munscheid, Günnigfeld, Höntrop, Leithe, Sevinghausen, Heide, Südfeldmark, Westenfeld / Vogelspoth und – Stadtmitte. Geht der Wattenscheider in die Stadt, geht er nach Wattenscheid und fährt nicht in die Bochumer City.

Der Wattenscheider Fußballfan steht hinter der SG Wattenscheid 09, oder er denkt zumindest wehmütig an die Zeiten zurück, als der Verein mal in der 1. Bundesliga kickte. In der Leichtathletik ist Wattenscheid eine Größe in Deutschland. Der TV Wattenscheid belegt Spitzenplätze. Die Athleten des Vereins gehören zur Creme de la Creme, in den späten 1980-er und den 1990-er Jahren hieß die große Athletin des Vereins Sabine Braun. Als Siebenkämpferin errang sie den Weltmeistertitel, auch Olympisches Edelmetall in Bronze gesellte sich zu ihrer eindrucksvollen Medaillensammlung. In Essen, ihrer Heimatstadt, wurde sie gefeiert, in Wattenscheid ebenso. Aber auch in Bochum?

Wattenscheid und Bochum haben in vielen Bereichen bis heute nicht zusammen gefunden. Wenn der Regionalexpress 1 der Deutschen Bahn, die zentrale Ost-West-Großstadtverbindung Verbindung des Ruhrgebiets schlechthin, von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof rattert, hält er natürlich auch in Wattenscheid. Dass der Bahnhof Wattenscheid 2007 zum Haltepunkt zurückgebaut wurde, ist eine Sache. So lange die Regionalexpresse hier halten, interessieren diese Feinheiten des Bahnvokabulars nur peripher. Dass der Haltepunkt aber dem Willen der Bahn nach zukünftig Bochum-Wattenscheid heißen soll – das ruft Proteste hervor. Der S-Bahnhaltepunkt in Höntrop heißt schließlich auch Wattenscheid-Höntrop und nicht Bochum-Höntrop.

Bochum und Wattenscheid. Sie teilen nicht einmal eine einheitliche Telefonvorwahl. Bochum erreicht man unter der 0234, Wattenscheid unter der 02327.

Nun gibt es im Fall von Wattenscheid allerdings auch einen populistischen Aspekt, der mit den eingangs erwähnten Politikern einher geht, die aus der Opposition heraus Dinge versprechen, an die sie sich, wenn die tatsächlich an die Macht gelangen, nicht mehr erinnern können. Noch im Jahr 1990 rangen Wattenscheider Heimatfreunde der CDU und der FDP ein Versprechen ab. Im Jahr der deutschen Einheit sicherten die Fraktionsvorsitzenden der CDU, Bernhard Worms, und Achim Rohde von der FDP den Wattenscheidern schriftlich zu, „... eine von uns gestellte Landesregierung wird [...] unverzüglich die notwendigen Schritte einleiten, um die Selbstständigkeit [von Wattenscheid] wieder herzustellen.“ Im September 2007 erinnerten die Heimatfreunde die nunmehr in einer Koalition regierenden Christ- und Freidemokraten an ihr Versprechen - ohne eine Rückmeldung zu erhalten. Kein Wunder: Die Kommunalreform wurde schließlich von allen drei 1974/75 im Landesparlament sitzenden Parteien getragen. Also auch von den Oppositionsparteien.

Was Wattenscheid bleibt, ist eine lange Geschichte. 890 wird Wattenscheid im so genannten Heberegister des Klosters (Essen-)Werden zum ersten Mal als Villa Uattanscethe erwähnt. Auch Eppendorf, Höntrop und Westenfeld tauchen in diesem Jahr erstmals urkundlich auf. 1554 wurde Wattenscheid Mitglied der Hanse, da es 1417 vom Grafen Adolf IV von Cleve-Mark die „stadtähnlichen Rechte einer Freiheit“ erhalten hatte, wie der Historiker sagt. Der Bergbau nahm 1722 seinen Anfang und trug maßgeblich zum Wachsen der Stadt bei. Der Bergbau ist heute noch auf dem im Oktober 1992 der Öffentlichkeit übergebenen Höntrop/Eppendorfer Bergbauwanderweg zu besichtigen. Auch fürs spirituelle Wohl ist in Wattenscheid durch die Bartholomäuskapelle gesorgt. 1364 gestiftet, diente sie Pilgern auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela als kostenlose Übernachtungsmöglichkeit, die gleichzeitig Schutz vor bösen Buben bot.

Eine besondere Glocke steht wiederum im Vorgarten der evangelischen Kirchengemeinde Wattenscheid-Leithe, an der Gelsenkirchener Straße. Die 1,5 Tonnen schwere Stahlglocke „Auguste Viktoria“ gilt als unschätzbares Kirchengut und Meisterstück des Bochumer Vereins. Eigentlich gehörte sie der Berliner Gnadenkirche, nach der Zerstörung der Kirche im Krieg entschloss sich der Magistrat Berlins nach Kriegsende für eine Verschrottung des Kunstwerkes. Ein Pfarrer aus Berlin-Malchow rettete sie quasi in letzter Sekunde und schaffte sie zunächst nach Thüringen; 1990 gelangte sie auf Initiative der Gemeinde in Malchow nach Wattenscheid. Freundschaftliche Beziehungen gaben den Ausschlag. Als Denkmal ist sie in Leithe zu besichtigen, möglich aber, dass sie eines Tages wieder in der Berlin läuten wird.

Im Helfs Hof im Ortsteil Sevinghausen wiederum ist das Wattenscheider Heimatmuseum daheim. 1974 wurde es noch vor der Eingemeindung gegründet. Im 15. Jahrhundert als Hove tom Heylwege to Staleyken errichtet, führte der Hellweg direkt am Hause vorbei. Die Wasserburg Sevinghausen wiederum ist eine der ältesten Fachwerkburgen Westdeutschlands. Es ist das älteste Wohnhaus in Wattenscheid, 1721 wurde es errichtet. Erste Berichte über eine Bebauung des Geländes lassen sich für das Jahr 1322 belegen.

Und bei allem Ärger über die Eingemeindung – der berühmteste Sohn Wattenscheids lässt selbst Bochumer vor Neid erblassen. Sein Name ist Bond, James Bond!

Kein Scherz: Am 11. November 1920 erblickte James Bond das Licht der Welt in Wattenscheid als Sohn einer Schweizerin und eines britischen Ingenieurs, der im Auftrag der britischen Regierung den Krupp-Konzern zerschlagen sollte. Nachdem die Interessen von Briten, Belgiern und Franzosen an der Ruhr allerdings weit auseinander drifteten und Großbritannien, im Gegensatz zu Frankreich, auf Reparationszahlungen und damit auch der Zerschlagung des Krupp-Konzern verzichtete, kehrte Vater Andrew mit Frau und Sohn in seine britische Heimat zurück. Zwar hat Bonds literarischer Vater Ian Fleming nur sehr vage Andeutungen über die Herkunft seines Agenten im Dienste Ihrer Majestät hinterlassen, 1973 erhielt der britische Autor John Pearson jedoch die Erlaubnis, aus den rudimentären Angaben bezüglich Bonds Herkunft das Buch  „James Bond: The Authorized Biography“ zu verfassen, das eben nicht nur die frühen Agentenjahre Revue passieren lässt, sondern auch Auskunft über Bonds Geburtsort gibt.

James Bond ein Wattenscheider – wer hätte das gedacht ...

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