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Antenne Witten

SCHOCKIEREND: FALSCHER NAME RUINIERT KINDHEITSERINNERUNGEN

Wer heute so wie ich um die 40 ist, erinnert sich an diese harten Kinderzeiten: Drei Fernsehprogramme, ein Sendeschluss. Für die Jugend von heute mit 100 TV-Sendern und dem Internet – unvorstellbar. Doch so hart die Zeiten auch gewesen sein mögen: Die Erinnerungen lassen uns schwelgen. Egal, wohin beispielsweise Frau Sommer gehen mochte, sie trug immer ein Päckchen Jacobs Kaffee - die Krönung - bei sich, um verdorbene Familienfeiern zu retten. Ja, so waren die Zeiten: Die Omma wurde begraben, die Familie trauerte, die Schwiegertochter schenkte ein - und Omma war vergessen. "Ihh, Ingrid, wat iss datt denn für’n Kaffee. Wär die Omma nich schon tot, mit dem Gesöff würde die Omma aba sowas von den Löffel abgeben." In Situationen wie diesen rettete Frau Sommer auch die traurigste Beerdigung mit dem Verwöhnaroma und man freute sich, noch einmal auf die Omma ein Käffchen schlürfen zu dürfen. So war das damals. Persil wurde noch von einem echten Waschmittelvertreter verkauft, der die Zuschauerinnen mit "Geschätzte Damen" ansprach. Und während der neue Bader-Katalog auf Fernsehpartys mit James-Last-Non-Stop-Dancing befeiert wurde und das deutsche Pendant zum Krümmelmonster, Klementine, ihren unersättlichen Hunger nach Dreckwäsche befriedigte, gönnte Tilly ihren Kundinnen einen Moment der Ruhe: Tilly, sie war die Heldin der unterdrückten Hausfrauen, die Nemesis der Emma, die Omma, die auch den Plörrekaffee ihrer eigenen Beerdigung mit einem Lächeln und einem Schuss Palmolive „Sie baden gerade Ihre Hände drin“ überlebt hätte. Doch die schönsten Erinnerungen verpuffen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt: Tilly hieß nicht Tilly. Die deutsche Synchronisation beraubte Tilly ihres echten Namens. Der lautete Madge. Klang wohl zu sehr nach Matsch. So wurde Magde Tilly. Was da die Omma wohl zu sagen würde?

 

MENSCHLICHKEIT IM ZEICHEN DES BÜRZELS

Unter Entenfans wird Don Rosas Biografie des reichsten Erpels der Welt schon seit Jahren als das zentrale Opus Magnum der Disney-Comichistorie betrachtet: „Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden“. Zwischen 1991 und 1993 hat der amerikanische Autor und Zeichner Don Rosa in zwölf Kapiteln das Leben von Scrooge McDuck, wie die Figur im amerikanischen Original heißt, porträtiert und illustriert. Streng hat er sich dabei an die Vorgaben des im Jahre 2000 verstorbenen Duck-Übervaters Carl Barks gehalten, der Dagobert 1947 kreierte.

In Deutschland ist die Geschichte erstmals Mitte der 90-er Jahre in sechs Bänden á zwei Kapiteln erschienen, mit der aktuellen Neuveröffentlichung (Dezember 2008) allerdings hat der deutsche Ehapa-Verlag mehr als nur eine Neuauflage auf den Markt gebracht. Das über einen Kilo schwere Werk enthält alle zwölf Hauptkapitel, sieben in sich abgeschlossene Zusatzkapitel, die von Abenteuern des jungen Dagobert berichten, und eine neue, phänomenale Abschlussstory, die das Leben des reichsten Erpels der Welt humorvoll Revue passieren lässt und selbst hartgesottene Comicfans zu Tränen rühren dürfte.

Basierend auf Daten, die in Carl-Barks-Duckcomics Erwähung finden, kreiert Don Rosa in seiner Biografie eine Geschichte, die in den 1870-er Jahren in Glasgow beginnt und einen kleinen Jungen zeigt, der mit harter Arbeit versucht seine verarmte Familie zu unterstützen. Dieser Junge ist niemand anderes als Dagobert Duck, der mit 13 in die Welt hinaus zieht und im Laufe der nächsten Jahrzehnte ein Vermögen erwirtschaftet. In Rosas Interpretation ist Dagobert zunächst ein Abenteurer und kein kaltherziger Kapitalist und Leuteschinder. Doch Rosa lässt den Charakter reifen, er beschreibt Prozesse, die den gutherzigen Jungen aus Glasgow verändern, die ihn hart und unerbittlich, ja manchmal ungerecht werden lassen, bis wir im zwölften Kapitel einen gebrochenen Mann erleben, der auf der Suche nach Reichtum und Macht sein Leben vergessen hat. Selbst Themen wie den Tod der geliebten Eltern oder die unerfüllte Sehnsucht nach wahrer Liebe thematisiert Rosa in seinem Werk. Mit den eher simplen Comicwelten der Micky-Maus-Magazine oder der Lustigen Taschenbücher oder anderer Duck-Comics hat Don Rosas gezeichneter Roman nicht viel gemeinsam. Und abgesehen davon, dass die Hauptfigur zufällig einen Bürzel trägt, ist Rosas Dagobert Mensch. Wie ein roter Faden zieht sich Dagoberts Menschlichkeit durch die Geschichten, um so tragischer ist der Fall des Milliardärs, der im Laufe seines Strebens nach Reichtum gerade diese Menschlichkeit, die ihn zu Beginn so stark macht, einbüßt.

Dass der Humor nicht zu kurz kommt, dafür sorgt Rosas Vorliebe für Monty Python; in kurzen Zwischenkommentaren erklärt der Autor außerdem, auf welche Barks-Geschichten oder historisch-realen Bezüge er sich in den einzelnen Kapitel bezieht. Allein der oft kantige, detailversessene Zeichenstil mag manch einen eher klassischen Disney-Geschichten zugewandten Leser irritieren. Rosa, ein ehemaliger Architekt, hat nie eine Zeichnerausbildung absolviert, als Bauingenieur hat er, für einen Entenzeichner ungewöhnlich, im Independent-Milieu seine Zeichner- und Autorenkarriere begonnen.

Don Rosa: Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden. Egmont Ehapa Verlag, Köln 2008. 493 Seiten. 29,95 Euro

 

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